ERINNERN: an Hanau und an die ermordeten Menschen rassistischer Gewalt,
ZUHÖREN: Betroffene Stimmen im Gespräch
Am 19. Februar 2020 erschütterte ein rassistisch motivierter Anschlag die Stadt Hanau: Ein Mann betrat in den Abendstunden gezielt Shisha-Bars und erschoss deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund. Neun Menschen wurden ermordet, darunter Angehörige unterschiedlicher Familien und Generationen, mehrere weitere Menschen wurden schwer verletzt. Der Anschlag machte erneut deutlich, wie alltäglicher Rassismus in tödliche Gewalt umschlagen kann, und hinterließ tiefe gesellschaftliche Wunden. Dieses Ereignis reiht sich ein in eine lange Reihe rassistisch motivierter Gewalttaten in Deutschland, die exemplarisch auch in den Brandanschlägen von Mölln 1992 und Solingen 1993 sichtbar wurden. In Mölln wurden drei Menschen der türkischen und kurdischen Community ermordet, Häuser zerstört und ganze Familien traumatisiert. Ein Jahr später wurden bei einem ähnlichen Brandanschlag in Solingen fünf weitere Menschen ermordet und andere schwer verletzt.
Diese Taten zeigen, dass rassistische Gewalt kein singuläres, isoliertes Ereignis ist, sondern Ausdruck dessen, wie tief rassistische Motive noch immer bei einigen Menschen verankert sind. Strukturelle Ausgrenzung, die sich über Jahrzehnte wiederholt und in unterschiedlichen Formen manifestiert. Sie verdeutlichen die Notwendigkeit, Erinnerung als aktiven gesellschaftlichen Prozess zu verstehen, der Verantwortung einfordert, die ermordeten Menschen in Erinnerung ruft und strukturelle Ursachen benennt, um sie zu bekämpfen.
Vor diesem Hintergrund eröffnet das Thalia Theater in der Reihe ERINNERN die Installation Say Their Names. Die Namen der ermordeten Menschen werden sichtbar aufgelistet und gleichzeitig akustisch durch die Stimmen der Schauspielerinnen und Schauspieler des Hauses erfahrbar gemacht. Ziel ist es, die ermordeten Menschen nicht als abstrakte Zahlen, sondern als Menschen mit individuellen Geschichten, Hoffnungen und Träumen erfahrbar zu machen.
Im Anschluss folgt die Vorführung des mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Films Die Möllner Briefe. In einfühlsamer Weise rückt der Film die persönlichen Schicksale der Ermordeten Menschen in den Vordergrund, vermittelt über Briefe, Erinnerungen und Berichte der Hinterbliebenen. Die Geschichten der Menschen werden damit greifbar und nachvollziehbar und damit nicht der Vergessenheit überlassen.
Den Abschluss bildet ein Gespräch aus der Reihe ZUHÖREN mit dem überlebenden der rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992 Ibrahim Arslan. Er ist heute historisch-politischer-Bildner und Aktivist und er berichtet über seine persönlichen Erfahrungen und die langfristigen Folgen rassistischer Gewalt für die Betroffenen. Ergänzt wird das Gespräch durch den Journalisten Hüseyin Topel der Mitinitiator von Kein Denkmal ist, die sich kritisch mit Erinnerungskultur mit dem Brandanschlag in Solingen auseinandersetzt. Die Initiative hinterfragt Denkmäler und tritt für die Sichtbarkeit der ermordeten Menschen rassistischer Gewalt ein. Gemeinsam zeichnen sie ein Bild davon, wie Erinnerung heute aussehen muss, um gesellschaftliche Verantwortung, Solidarität und Prävention zu verbinden.
Durch die Verbindung von Installation, Film und Gespräch entsteht ein vielschichtiger Raum des Erinnerns, in dem visuelle, akustische und narrative Ebenen zusammenwirken. Die Veranstaltung lädt dazu ein, die Kontinuität rassistischer Gewalt zu erkennen, den betroffenen Menschen zuzuhören und die eigene Verantwortung in Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Reflexion bewusst zu machen. Wir laden Sie ein, diesen Abend im Thalia Theater im Nachtasyl gemeinsam zu begehen – zuhörend, reflektierend und erinnernd.
Mit Ibrahim Arslan, Hüseyin Topel